ADHS oder überfordert? Wenn Stress uns unruhig, vergesslich und zerstreut macht

Aktualisiert: 17. Aug.
Sie vergessen ständig Dinge, können sich schlecht konzentrieren, sind innerlich unruhig und haben das Gefühl, Ihr Kopf läuft permanent auf Hochtouren? Vielleicht haben Sie sich deshalb schon gefragt: „Habe ich ADHS?“
ADHS ist heute viel sichtbarer als noch vor einigen Jahren; das ist grundsätzlich eine gute Entwicklung. Gerade bei Erwachsenen und insbesondere bei Frauen wird ADHS häufig erst spät erkannt. Gleichzeitig gibt es ein Problem: Viele Beschwerden, die wie ADHS aussehen können, sind nicht automatisch ADHS.
Anspannung, chronischer Stress, Angst, Schlafmangel oder belastende Erfahrungen in der Kindheit können ebenfalls Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Impulskontrolle und Organisation beeinflussen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
„Habe ich diese Symptome?“
Sondern auch:
„Woher kommen sie?“
Wenn der Kopf ständig auf Empfang ist
Vielleicht kennen Sie das:
Sie gehen in einen Raum und haben vergessen, warum.
Sie lesen eine Nachricht oder hören eine Sprachnachricht und vergessen fünf Minuten später, was darin stand oder was gesagt wurde.
Sie möchten mehrere Dinge gleichzeitig erledigen oder haben anstehende To-dos für den Tag und am Ende haben Sie keines davon richtig gemacht.
Sie suchen ständig Ihre Schlüssel, Ihr Portemonnaie oder generell einiges, wenn es mal schnell gehen muss.
Sie lassen Dinge fallen, stoßen sich an Möbeln oder sind beim Autofahren gedanklich nicht ganz bei der Sache.
Sie springen gedanklich von einem Thema zum nächsten.
Sie sind schnell gereizt oder überfordert.
Sie möchten eigentlich entspannen, aber Ihr Körper fühlt sich dennoch angespannt an.
Solche Beschwerden können tatsächlich bei ADHS vorkommen. Bei Erwachsenen zeigen sich beispielsweise Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Organisation, Priorisierung, Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle.
Hyperaktivität kann sich im Erwachsenenalter zudem eher als innere Unruhe oder Rastlosigkeit zeigen.
Aber: Diese Symptome sind nicht spezifisch für ADHS.
Auch psychischer Stress kann genau diese Funktionen beeinträchtigen.
Stress kann Konzentration und Gedächtnis verändern
Unser Gehirn arbeitet nicht unabhängig von unserem körperlichen Zustand.
Wenn wir Stress erleben, wird ein komplexes Stresssystem aktiviert. Die Amygdala ist dabei unter anderem an der Bewertung emotional bedeutsamer Reize und an der Erkennung potenzieller Bedrohungen beteiligt. Über den Hypothalamus werden anschließend unter anderem das autonome Nervensystem und die Stresshormonachse aktiviert.
Der Sympathikus unterstützt dabei die körperliche Aktivierung: Herzfrequenz und Aufmerksamkeit werden auf Handlungsbereitschaft ausgerichtet.
Der Parasympathikus steht vereinfacht gesagt stärker für Regeneration und Ruhe.
Das ist zunächst sinnvoll.
Wenn Ihnen beispielsweise plötzlich ein Auto entgegenkommt, möchten Sie nicht entspannt darüber nachdenken, ob Sie gerade ausreichend parasympathisch reguliert sind. Ihr Körper soll schnell reagieren.
Problematisch wird es, wenn das System zu häufig oder zu lange aktiviert bleibt.
Denn konzentriertes Planen, Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität und Impulskontrolle gehören zu den sogenannten exekutiven Funktionen. Genau diese Funktionen können durch anhaltenden Stress beeinträchtigt werden. Forschungsübersichten zeigen insbesondere Zusammenhänge zwischen chronischem Stress und Veränderungen von Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Inhibition und kognitiver Flexibilität.
Das kann sich im Alltag erstaunlich ähnlich wie ADHS anfühlen.
„Ich bin einfach chaotisch“
Oder ist Ihr Nervensystem überlastet?
Stellen Sie sich Ihr Gehirn vereinfacht wie ein Unternehmen vor.
Es gibt eine Abteilung, die langfristig plant, priorisiert und Entscheidungen trifft. Dazu gehören unter anderem präfrontale Netzwerke.
Und es gibt ein sehr schnelles Warnsystem, das auf mögliche Gefahren reagiert.
Wenn alles ruhig ist, können beide Systeme gut zusammenarbeiten.
Wenn Sie jedoch dauerhaft unter Druck stehen, wird ein größerer Teil Ihrer mentalen Kapazität dafür verwendet, die Umgebung, andere Menschen oder Ihre eigenen Gedanken auf mögliche Probleme zu überprüfen.
Dann bleibt weniger Kapazität für:
konzentriertes Arbeiten
Arbeitsgedächtnis
Priorisieren
Impulskontrolle
vorausschauendes Planen
flexible Problemlösung
bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers
Das bedeutet nicht, dass Ihr Gehirn „kaputt“ ist.
Es bedeutet vielmehr: Ein Gehirn, das sich auf Sicherheit konzentriert, arbeitet anders als ein Gehirn, das sich gerade sicher und entspannt fühlt.
Und was hat die Kindheit damit zu tun?
Besonders interessant wird es, wenn die innere Unruhe nicht erst im Erwachsenenalter entstanden ist, sondern bereits nach einer belastenden Kindheit oder Jugend auffällt.
Dabei muss es nicht zwangsläufig um schwere Traumatisierungen gehen.
Auch wiederkehrende Unsicherheit, emotionale Unberechenbarkeit, Konflikte, Vernachlässigung, übermäßiger Leistungsdruck, Mobbing, Trennungserfahrungen oder ein dauerhaft angespanntes familiäres Umfeld können für ein Kind belastend sein.
Kinder können ihre Stressreaktionen noch nicht so regulieren wie Erwachsene. Das Nervensystem entwickelt sich in Beziehung zu seiner Umwelt.
Forschungsarbeiten zu früher Belastung zeigen Zusammenhänge mit Veränderungen in Netzwerken, an denen unter anderem Amygdala, präfrontaler Kortex und Hippocampus beteiligt sind.
Besonders bei Erfahrungen von Bedrohung wurden Veränderungen der Amygdala-Reaktivität und der amygdala-präfrontalen Verarbeitung beobachtet. Gleichzeitig ist die Forschung komplex und zeigt keine einfache „Trauma-Gehirn“-Signatur. Die Auswirkungen unterscheiden sich je nach Art, Dauer und Zeitpunkt der Belastung sowie nach Schutzfaktoren und individuellen Voraussetzungen.
Auch kognitive Funktionen können betroffen sein. Studien zu früher Belastung berichten unter anderem Zusammenhänge mit Aufmerksamkeit, Gedächtnis und exekutiven Funktionen.
Das kann später beispielsweise so aussehen:
„Ich kann mich schlecht konzentrieren.“
„Ich bin ständig angespannt.“
„Ich kann nicht abschalten.“
„Ich vergesse dauernd etwas.“
„Ich bin schnell überreizt.“
„Ich bin irgendwie immer auf dem Sprung.“
„Ich mache ständig kleine Fehler.“
Und ja: Das kann sich sehr ähnlich wie ADHS anfühlen.
Aber ist es dann „nur“ Stress statt ADHS?
Genau hier ist eine wichtige Differenzierung notwendig.
ADHS ist eine echte neuroentwicklungsbedingte Störung. Die Symptome beginnen grundsätzlich in der Kindheit und können bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Nach
ICD-11 müssen sie unter anderem über längere Zeit bestehen, in mehreren Lebensbereichen auftreten und zu einer relevanten Beeinträchtigung führen.
Bei Erwachsenen ist deshalb die Entwicklungsgeschichte besonders wichtig.
Wenn jemand beispielsweise mit 25 Jahren plötzlich massive Konzentrationsprobleme bekommt, nachdem jahrelang alles problemlos funktioniert hat, sollte man nicht vorschnell von „spät aufgetretenem ADHS“ ausgehen.
Auch Schlafprobleme, Depressionen, Angststörungen, chronischer Stress, Traumafolgen, Substanzkonsum, körperliche Erkrankungen oder Medikamente können ähnliche Symptome verursachen oder verstärken.
Gleichzeitig kann natürlich beides vorhanden sein.
Ein Mensch kann ADHS haben und zusätzlich unter chronischem Stress oder Angst leiden. Dann können sich die Symptome gegenseitig verstärken.
Ein wichtiger Unterschied: Seit wann gibt es die Schwierigkeiten?
Eine der interessantesten Fragen bei der Abklärung lautet deshalb:
„War das schon immer so?“
Nicht:
„Hatte ich schon immer mal Tage, an denen ich unkonzentriert war?“
Sondern:
„Gab es bereits in meiner Kindheit deutliche und wiederkehrende Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulsivität, Organisation oder Hyperaktivität?“
Bei der Diagnostik können deshalb alte Schulzeugnisse, Berichte von Eltern oder anderen Bezugspersonen und die eigene Entwicklungsgeschichte hilfreich sein. Für eine ADHS-Diagnose reicht ein Online-Fragebogen oder ein einzelner Test jedoch nicht aus.
Leitlinien empfehlen eine umfassende klinische und psychosoziale Untersuchung einschließlich Entwicklungs- und psychischer Vorgeschichte.
Das ist wichtig, weil ein Fragebogen zwar feststellen kann:
„Sie haben viele ADHS-ähnliche Symptome.“
Er kann aber nicht automatisch beantworten:
„Warum haben Sie diese Symptome?“
Was können Sie tun, wenn Sie sich darin wiedererkennen?
1. Symptome ernst nehmen, aber nicht vorschnell etikettieren
Wenn Sie sich häufig unruhig, vergesslich, zerstreut oder überfordert fühlen, ist das ein guter Grund, genauer hinzuschauen.
Aber die Diagnose sollte nicht aus einem TikTok-Test oder einer Checkliste entstehen.
Wenn Sie ADHS vermuten, kann eine professionelle Diagnostik sinnvoll sein.
In Deutschland können Sie beispielsweise über die 116117 nach geeigneten Fachärztinnen, Fachärzten oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten suchen und Termine vereinbaren. Die Arztsuche und der Terminservice stehen online zur Verfügung.
Bei Erwachsenen sollte die Diagnostik durch entsprechend qualifiziertes Fachpersonal erfolgen. NICE empfiehlt bei entsprechenden Symptomen eine spezialisierte Abklärung und betont ausdrücklich, dass eine Diagnose nicht allein anhand von Fragebögen gestellt werden sollte.
2. Beobachten Sie nicht nur Ihr Verhalten, sondern Ihren inneren Zustand
Eine hilfreiche Frage für den Alltag ist:
„Was passiert gerade in meinem Nervensystem?“
Zum Beispiel:
Ich bin gerade unkonzentriert.
kann sich verändern zu:
Ich bin seit drei Stunden angespannt, habe zehn Dinge gleichzeitig im Kopf und habe kaum Pausen gemacht.
Oder:
Ich bin heute extrem vergesslich.
wird zu:
Ich habe schlecht geschlafen, bin emotional aufgewühlt und versuche gerade, gleichzeitig fünf Probleme zu lösen.
Das verändert die Perspektive.
Sie sind nicht automatisch „faul“, „chaotisch“ oder „unfähig“.
Vielleicht ist Ihr System gerade überlastet.
3. Regulation statt Selbstoptimierung
Gerade Menschen, die sich schnell überfordert fühlen, versuchen häufig noch mehr Kontrolle aufzubauen:
Noch eine To-do-Liste.
Noch eine App.
Noch ein Zeitmanagement-System.
Noch mehr Disziplin.
Das kann sinnvoll sein, aber manchmal liegt das eigentliche Problem nicht in fehlender Organisation, sondern in einem dauerhaft erhöhten Stressniveau.
Dann kann es hilfreicher sein, zunächst wieder mehr Regulation und Sicherheit in den Alltag zu bringen.
Zum Beispiel durch:
regelmäßige Schlafenszeiten
ausreichende Bewegung
bewusste Pausen ohne Bildschirm
langsames und bewusstes Atmen
kurze Momente körperlicher Wahrnehmung
Reizreduktion bei Überforderung
realistische statt maximaler To-do-Listen
feste Routinen für wiederkehrende Aufgaben
bewusste Übergänge zwischen Arbeit und Freizeit
Dabei geht es nicht darum, den Sympathikus „auszuschalten“. Ein gesunder Körper braucht Aktivierung und Erholung. Ziel ist vielmehr, flexibel zwischen Aktivierung und Ruhe wechseln zu können.
4. Und manchmal braucht es therapeutische Unterstützung
Wenn hinter der dauerhaften Anspannung belastende Beziehungserfahrungen, Ängste oder traumatische Erfahrungen stehen, reicht „mehr entspannen“ häufig nicht aus.
Dann kann es sinnvoll sein, gemeinsam zu verstehen:
Was aktiviert mich eigentlich?
Welche Situationen lösen Alarm aus?
Welche Gedanken verstärken den Stress?
Was habe ich früh gelernt, um mich sicher zu fühlen?
Warum fällt mir Ruhe vielleicht schwer?
Welche Strategien helfen mir wirklich und welche halten die Anspannung unbewusst aufrecht?
Je nach Ausgangslage können dabei unterschiedliche therapeutische Methoden sinnvoll sein. Bei klinisch relevanten Traumafolgesymptomen gehören beispielsweise traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie und EMDR zu den evidenzbasierten psychotherapeutischen Verfahren, die in Leitlinien empfohlen werden.
Auch bei Angst und chronischer Anspannung können kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren wirksam eingesetzt werden.
Dabei muss Therapie nicht bedeuten, jahrelang jede Kindheitserinnerung zu analysieren.
Manchmal beginnt sie viel praktischer:
Körper wahrnehmen -> Stresssignale erkennen -> Gedanken überprüfen -> Grenzen setzen -> Sicherheit aufbauen -> Neue Reaktionen einüben.
Und Schritt für Schritt zu erleben:
„Ich muss nicht ständig auf der Hut sein.“
ADHS, Stress oder beides?
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis deshalb:
Nicht jede Vergesslichkeit ist ADHS. Nicht jede Unruhe ist ADHS. Nicht jede Überforderung ist ADHS. Und nicht jede Konzentrationsschwierigkeit hat dieselbe Ursache.
Aber genauso gilt:
Stress erklärt nicht automatisch jedes ADHS-Symptom.
Die Aufgabe besteht nicht darin, möglichst schnell ein Etikett zu finden.
Die Aufgabe besteht darin, zu verstehen, was hinter den eigenen Beschwerden steckt.
Denn erst wenn wir die Ursache besser verstehen, können wir auch sinnvoll entscheiden, was hilft:
Diagnostik?
Alltagsanpassung?
Stressreduktion?
Psychotherapie?
ADHS-Behandlung?
Oder eine Kombination?
Und vielleicht ist genau diese Frage hilfreicher als:
„Was stimmt nicht mit mir?“
Denn manchmal lautet die Antwort nicht:
„Mit Ihnen stimmt etwas nicht.“
Sondern:
„Ihr System versucht gerade, mit etwas klarzukommen.“
Und das kann man verstehen, verändern und Schritt für Schritt neu lernen.
Was ich als Heilpraktikerin für Psychotherapie anbieten kann
Als Heilpraktikerin für Psychotherapie darf ich psychische Beschwerden im Rahmen meiner Heilerlaubnis psychotherapeutisch behandeln und beispielsweise bei Stress, Überforderung, Ängsten, innerer Unruhe, belastenden Erfahrungen und persönlichen Konflikten unterstützen.
Eine medizinische Diagnostik gehört dagegen nicht zu meinem Tätigkeitsbereich. Eine ADHS-Diagnostik, die Abklärung körperlicher Ursachen oder die Verordnung von Medikamenten erfolgt daher bei entsprechend qualifizierten Fachärzten oder spezialisierten Stellen.
Ich kann Sie jedoch dabei unterstützen, Ihre Beschwerden und Stressmuster besser zu verstehen, Auslöser zu erkennen, Selbstregulation und einen bewussteren Umgang mit Belastungen zu entwickeln und belastende Erfahrungen therapeutisch zu bearbeiten.
Wenn eine zusätzliche fachärztliche oder diagnostische Abklärung sinnvoll erscheint, kann ich Ihnen helfen, dies einzuordnen und geeignete Anlaufstellen zu finden.
Es geht nicht darum, ADHS wegzuerklären, sondern darum, möglichst genau zu verstehen, was hinter Ihren Beschwerden steckt und welche Unterstützung für Sie sinnvoll ist.
Quellen & weiterführende Informationen
World Health Organization (WHO): Clinical Descriptions and Diagnostic Requirements for ICD-11 Mental, Behavioural and Neurodevelopmental Disorders
NICE: Attention deficit hyperactivity disorder – diagnosis and management (NG87)
Centers for Disease Control and Prevention (CDC): ADHD in Adults
Gondek (2021): Diagnosing ADHD in adults: Diagnostic tools and differential diagnosis
McLaughlin et al.: Childhood Adversity and Neural Development: A Systematic Review
Girotti et al. (2018): Prefrontal cortex executive processes affected by stress in health and disease
Lupien et al.: Effects of Early Life Stress on Cognitive and Affective Function
NICE: Post-traumatic stress disorder (NG116)
116117: Arztsuche und Terminservice für Deutschland