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Woran erkennt man eine ungesunde Beziehung wirklich?

  • Autorenbild: Freya Gosewisch
    Freya Gosewisch
  • 7. Sept. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Apr.

Viele Menschen fragen sich irgendwann in einer Beziehung, ob das, was sie erleben, noch gesund ist oder bereits belastend oder destruktiv wird. Diese Frage ist oft schwer zu beantworten, weil Gefühle, Gewohnheit, Bindung und Hoffnung miteinander verwoben sind.


Hinzu kommt, dass äußere Einflüsse wie Social Media, Filme oder das soziale Umfeld oft ein sehr verzerrtes Bild davon vermitteln, wie Beziehung „sein sollte“. Dadurch entsteht zusätzliche Unsicherheit.

Aus meiner therapeutischen Erfahrung lassen sich jedoch einige zentrale Muster erkennen, die Hinweise auf eine ungesunde Beziehungsdynamik geben können.


  1. Das elektrisierende Anfangshoch


Viele ungesunde Beziehungen beginnen nicht schlecht, sondern im Gegenteil sehr intensiv. Es fühlt sich schnell besonders an, fast magnetisch oder schicksalhaft.


Dieses starke Anfangsgefühl hat auch eine neurobiologische Grundlage. Im Gehirn werden dabei unter anderem dopaminerge Systeme aktiviert, die mit Belohnung, Motivation und Verliebtheit verbunden sind. Dieser Zustand kann sich wie ein emotionaler Rausch anfühlen.

Das Schwierige ist, dass genau dieses Hochgefühl uns später auch bindet, selbst wenn die Beziehung langfristig nicht stabil oder nährend ist. Das Nervensystem erinnert sich an diesen Zustand und versucht unbewusst, ihn wiederherzustellen.

Aus bindungstheoretischer Sicht kann dieses intensive Anfangserleben auch dadurch verstärkt werden, dass unbewusste alte Beziehungsmuster aktiviert werden.

Der Entwicklungspsychologe John Bowlby hat beschrieben, dass wir in neuen Beziehungen oft frühe Bindungserfahrungen emotional „wiederholen“. Nicht um sie bewusst zu durchleben, sondern um sie innerlich zu regulieren.


Eine gesunde Beziehung fühlt sich dagegen nicht permanent aufregend an. Sie fühlt sich eher ruhig, stabil und verlässlich an. Sie muss nichts kompensieren oder retten.


  1. Angst als ständiger Begleiter


Ein sehr deutliches Warnsignal ist eine Beziehung, die dauerhaft von Angst geprägt ist.

Das kann sich zeigen als Angst vor Verlust, Angst nicht zu genügen, Angst ersetzt zu werden oder Angst, dass der andere plötzlich emotional verschwindet. Auch Eifersucht kann hier eine Rolle spielen, besonders wenn sie häufig und intensiv auftritt.


Diese Ängste führen nicht selten zu Verhaltensweisen wie Kontrolle, Rückversicherung, emotionalem Rückzug oder auch Konfliktvermeidung. Manche Menschen beobachten sich selbst dabei, wie sie Nachrichten kontrollieren, Grenzen testen oder sich innerlich stark abhängig fühlen.


Wichtig ist hier die Unterscheidung. In gesunden Beziehungen können gelegentlich Unsicherheiten auftauchen. Entscheidend ist jedoch, dass sie beruhigbar sind und nicht das gesamte Beziehungsgeschehen dominieren.


Wenn Angst jedoch zum Grundgefühl wird, fehlt meist eine stabile emotionale Sicherheit zwischen den Partnern.


  1. Vertrauen und Misstrauen als unterschätzter Kernkonflikt


Ergänzend zu Punkt 2 ist ein zentraler, oft übersehener Punkt in ungesunden Beziehungen ist ein dauerhaftes Grundmisstrauen.


Es geht dabei nicht nur um konkrete Situationen der Angst, sondern um ein inneres Klima der Verunsicherung. Selbst wenn objektiv nichts vorgefallen ist, bleibt ein Gefühl von Unsicherheit bestehen. Gedanken wie „Ich weiß nicht, ob ich mich wirklich verlassen kann“ oder „Irgendwas stimmt hier nicht“ sind häufig präsent.


In der Forschung zur Paarbeziehung, unter anderem in den Arbeiten von John Gottman zur Stabilität von Beziehungen, zeigt sich, dass nicht einzelne Konflikte entscheidend sind, sondern die emotionale Grundhaltung zwischen den Partnern. Paare, die langfristig instabil bleiben, zeigen häufig ein Muster aus Kritik, Abwertung, Rückzug und fehlender emotionaler Reparatur nach Konflikten.


Ein solches Umfeld führt dazu, dass sich beide Partner innerlich „auf Eierschalen bewegen“. Es entsteht eine Atmosphäre von Vorsicht, Interpretation und Missverständnissen. Viele Gespräche werden nicht mehr klar geführt, sondern durch Erwartungen, Befürchtungen und alte Verletzungen überlagert.


Das Ergebnis ist häufig eine negative Erwartungshaltung. Der Partner wird nicht mehr neutral erlebt, sondern durch die Brille vergangener Konflikte oder Befürchtungen.


In solchen Dynamiken wird Vertrauen nicht aufgebaut, sondern immer wieder untergraben. Selbst wenn es zwischendurch gute Phasen gibt, bleibt ein inneres Misstrauen bestehen, das sich nicht vollständig auflöst.


  1. Die Gewöhnung an die Achterbahn


Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Gewöhnung. Menschen haben eine hohe Anpassungsfähigkeit, auch an emotionale Zustände.


Wenn Beziehungen über längere Zeit von starken Schwankungen geprägt sind, von Nähe und Distanz, Streit und Versöhnung, entsteht oft eine Art emotionale Normalität.

Das Nervensystem gewöhnt sich an diese Intensität. Ruhe kann sich dann sogar ungewohnt oder langweilig anfühlen, obwohl sie eigentlich ein Zeichen von Sicherheit wäre.


Aus bindungstheoretischer Sicht kann dies damit zusammenhängen, dass frühe Beziehungserfahrungen nicht sicher oder vorhersehbar waren. Der Psychologe Mary Ainsworth hat in ihren Untersuchungen zur „Strange Situation“ gezeigt, dass unsichere Bindungsmuster oft mit starker emotionaler Aktivierung in Beziehungen verbunden sind.


In solchen Dynamiken kann Stabilität nicht als etwas Selbstverständliches und Angenehmes, sondern sogar als etwas Verdächtiges erlebt werden.



Wie gesunde Beziehungen sich wirklich anfühlen


Eine gesunde Beziehung ist nicht frei von Konflikten. Aber sie ist frei von chronischer Unsicherheit.


Typisch ist ein Grundgefühl von emotionaler Sicherheit. Konflikte führen nicht zu dauerhafter Angst oder Distanz, sondern können wieder repariert werden.


Beide Partner erleben sich grundsätzlich als sicher im Kontakt, auch wenn sie sich gerade nicht einig sind.


Zentral sind dabei Vertrauen, emotionale Verlässlichkeit und die Fähigkeit, nach Konflikten wieder in Verbindung zu gehen.

Ein wichtiger Unterschied ist, dass sich beide Partner nicht dauerhaft infrage stellen müssen.


Selbstverantwortung und Beziehungsmuster


Ein oft sensibler, aber wichtiger Aspekt ist die Frage der Selbstverantwortung.

Wenige Beziehungsdynamiken sind einseitig verursacht. Auch wenn ein Partner stärker unsicher reagiert, entsteht die Gesamtdynamik immer zwischen beiden Menschen.

Das bedeutet nicht Schuld, sondern Bewusstheit.


Menschen mit unsicheren Bindungsmustern können in Stressreaktionen selbst wiederum Unsicherheit beim Gegenüber auslösen. So entstehen Kreisläufe, die sich gegenseitig verstärken.


Hier kann therapeutische Arbeit sehr entlastend sein, weil sie hilft, die eigenen Muster zu erkennen und nicht mehr ausschließlich im Außen nach Ursachen oder Lösungen zu suchen.


Fazit


Eine ungesunde Beziehung ist selten an einem einzelnen Ereignis erkennbar. Viel häufiger zeigt sie sich in einem wiederkehrenden emotionalen Grundmuster.

Dazu gehören anhaltende Angst, fehlendes Vertrauen, emotionale Unsicherheit, wiederkehrende Konflikte ohne echte Klärung und das Gefühl, sich selbst in der Beziehung immer wieder zu verlieren.

Gesunde Beziehungen fühlen sich dagegen nicht ständig aufregend, sondern stabil und verlässlich an. Sie geben Raum für Nähe und Individualität gleichzeitig.

Und vielleicht ist genau das der wichtigste Orientierungspunkt. Nicht wie intensiv eine Beziehung sich anfühlt sondern wie sicher sie sich langfristig anfühlt.


Ich bin überzeugt, dass die meisten Ursachen für Unzufriedenheit in einer Beziehung durch gezielte Paartherapie gelöst werden können. Sie bietet die Möglichkeit, sich selbst und die Partnerschaft weiterzuentwickeln und auch für alle aufkommenden Konflikte gewappnet zu sein.

 
 

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